Theater Neu-Ulm
IHREN Ansprüchen wollen wir genügen - Gedanken der Zuschauerin Sibylle Berg (Autorin)

Der gnadenvolle Augenblick

"Was kann das Theater, und was kann es nicht?" fragt Sibylle Berg

"Es wundert einen, dass die Leute immer noch ins Theater gehen, nach allem, was sie in der Schule durchgemacht haben." Orson Welles

Finde ich mich in einem Theaterfoyer umringt von Menschen, die meine Kinder sein könnten, es gottlob nicht sind, hätte mein Kind auch so eine Plasticumhängetasche und würde sich unique fühlen?, dann läuft etwas falsch. Ein Theater, in das Zwanzigjährige strömen, ist mir zutiefst unsympathisch. Vermutlich hat es den Ruf, hip zu sein, das Theater, macht Spässchen mit Rockstars und Comedians, auf jeden Fall ist es anbiedernd und abzulehnen. Junge Menschen haben im Theater nichts zu suchen. Da geht man hin, als Kind, ins Weihnachtsmärchen, vielleicht noch als verwirrter Pubertierender, um den Schmerz der intellektuellen Qual auszukosten, in jener Zeit, als Wachsender, da man glauben mag, dass nur Bedeutung hat, was keine Freude bereitet - aber danach muss Ruhe sein. Ablehnung. Revolution. Ekel.

KUNST UND WAHRHEIT

Theater ist für die Generation der Eltern, ist kein Kino, ist Anstrengung, unbequemes Gestühl und meist Langeweile. Junge Menschen, die sich für Kunst interessieren, sind verzogene Gören, denn Jugend und Kunst gehören nicht zusammen. In der Jugend entdeckt man das Leben, und dessen Kürze ist einem noch nicht klar. Man ist am Suchen nach Realität. Und die hat mit Kunst nichts zu tun. Kunst ist die Suche nach dem gnadenvollen Augenblick, nach dem Vergessen der Sterblichkeit, ist Suche nach Trost und geriatrisch unkörperlichem Orgasmus. Theater kann Kunst sein. Kunst hat nichts mit einem tiefen Anspruch zu tun, wer will den definieren, Komödien können Kunst sein, Satire kann Kunst sein, wenn sie im aufrechten Bestreben, in der Suche nach einer höheren Wahrheit entstanden ist.

Auf der Bühne entlarvt man jeden. Wortverliebte Sätze werden zu Schlafmitteln, eitle Schauspieler führen zum Koma. Das ist das Unangenehme am Theater. Man sieht das alles. Das ist der Reiz am Theater. Man kann eventuell der Herstellung eines grossen Augenblickes beiwohnen. Tut man meist nicht. Theater ist etwas Fragiles. Das Risiko der Gruppenarbeit. Wie schwer, mehrere Menschen dazu zu bewegen, sich einem Ziel unterzuordnen. Die Schauspieler wollen meist lange Texte, gut aussehen, lange auf der Bühne stehen. Der Regisseur will irgendetwas Intellektuelles, etwas hinter den Worten. Der Autor will seine Sätze schwingen hören, am liebsten wäre ihm oft, die Bühne bliebe leer und schwarz, das Publikum nur beschallt mit seinem Werk. Theater heisst: Eitle Menschen müssen sich zurücknehmen und sich finden. Das misslingt meist. Weil fast alles misslingt auf der Welt, was von Menschen gemacht wurde.

Das meiste, das wissen wir, die wir nicht mehr zwanzig sind, ist Enttäuschung. Was haben wir uns alle schon gequält, in öden Aufführungen, gelangweilt bis zum Tode, der leider nie eintrat. Und uns geschämt dabei, ein wenig, gedacht, vermutlich verstehe ich zu wenig vom Ganzen, vermutlich bin ich dumm, hässlich sowieso, und dann sind wir trotzig geworden und haben an die teuren Karten gedacht und gedacht, man kann doch wenigstens erwarten . . . Wohl dem, der nichts erwartet. Das allgemein glücklich machende Theater gibt es nicht. Zu persönlich ist, was einen zum Träumen bringt, atemlos macht. Bei zu einhelliger Freude muss man misstrauisch werden.

DIE JUNGEN UND DIE ALTEN

Zur Illusion des Theaters gehört auch der Generationskonflikt, den es alle dreissig Jahre gibt, Alt gegen Jung, die Wachablösung. Die Revolutionäre kommen und machen alles anders. Alles neu. Was kann man neu machen, an Worten, an den immergleichen grossen Themen - Tod, Leben, Verrat, Liebe, Leiden, was kann man neu machen auf abgezirkeltem Fussboden, mit Schauspielern, die die immergleichen Techniken lernen, seit hundert Jahren. Und doch müssen wir uns das einreden, die Revolution, sonst wären wir ja schon tot. Der Pollesch, der ist ein Revolutionär, der Schlingensief. Ich liebe beide, vermutlich so, wie Schleef geliebt wurde, zu seiner Zeit, oder Zadek, oder Müller, oder Handke. Ganz neu gibt es nicht. Aber es gehört zum Spiel. Die Empörung der Älteren, das lässt einen alten Sack wie mich sich jung fühlen. Wir können noch was erreichen, bewirken, die Welt ändern - da glaubt doch keiner mehr im Ernst daran.

Kunst ändert gar nichts. Sie gibt einer kleinen Elite ein paar schöne Gedanken, im besten Fall. Keine Kunst der Welt lässt doch jemand losgehen, vom Mauler zum Akteur werden, auf einmal nicht mehr Quatsch reden über Nahostkonflikte, sondern: Hey, dann ziehn wir los und reden mit dem Hizbullah, bringen testosteronverseuchte junge Männer auf einen anderen Kurs, MIT THEATERGRUPPEN nach Libanon. Macht doch keiner. Das wäre doch kolossale Selbstüberschätzung. Das Grösste, was Kunst kann, was Theater vermag, ist, Menschen in Ekstase zu versetzen, aus ihrem öden kleinen Körper fliehen zu lassen für Minuten, ehe das Zeug wieder an seinen Platz gelangt, alles in sich zusammenfällt, man sich überlegt, wo man noch was trinken geht. DANACH.

Danach, da geht man heim und regt sich über seine Kinder auf, zwanzig und alle mit den gleichen Taschen, dass die sich für nichts interessieren. Sie interessieren sich für sich, weil sie denken, sie sind die Welt, und wir, die wir wissen, dass alles egal ist, müssen sagen: Recht haben sie, und ein bisschen neidisch können wir sein, auf das, was sich genügt und uns nicht mehr. Wir müssen ins Theater gehen oder in Konzerte, müssen lesen und denken, um uns noch ab und zu so schwerelos zu fühlen, so grössenwahnsinnig und unvergänglich wie sie.

Neue Zürcher Zeitung, 2. September 2006

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