Theater Neu-Ulm
IHREN Ansprüchen wollen wir genügen - War Epikur ein Epikureer? Eine Betrachtung von Heinz Koch

War Epikur ein Epikureer???

Dramaturgische Skizzen zum Projekt "Charleys Tunte beim Black Jack" oder auch Vorstudien zu den zentralen Aussagen der Figur "Pussy Galoor".

Was man so landläufig unter einem Epikureer versteht, hat nichts mit der Lehre des hellenistischen Denkers und vielleicht auch Lebenskünstlers zu tun.



Es stellt diese Lehre sogar sozusagen auf den Kopf.



Epikureer - damit meinte und meint man üblicherweise solche Leute, die darauf aus sind, sich nichts entgehen zu lassen und aus dem Leben ein Fest zu machen; die das Genießen über alles stellen und denen das Feinste gerade gut genug ist (Stichwort: Hedonismus).



Motto: "Denn morgen sind wir tot." Und: "Nach uns die Sintflut."



Diese Form des Epikureismus dient der Zerstreuung, sie erfindet Lüste gegen die überall lauernde Langeweile.
Erstaunlicherweise verband man diese Playboy-Denke schon zu Epikurs Lebzeiten mit seinem Namen, besonders auch im "alten Rom".



200 Jahre nach Epikurs Tod verfasst im letzten vorchristlichen Jahrhundert sein glühender und vielleicht unkritischer Anhänger Titus Lucretius Carus sein gewaltiges Lehrgedicht "de rerum natura" ("Über die Natur") und schreibt darin unter anderem seinen Zeitgenossen in Hexametern ins Stammbuch:



"Wären die Menschen imstand zu erkennen und woher denn in der Brust eine solche Last des Übels bereitliegt, würden sie nicht das Leben so führen, wie meistens wir sehen jetzt. Wie keiner weiß, was er will und dauernd bestrebt ist, auszuwechseln den Ort, als ob er die Last damit ablüd'. Oft geht jener hinaus aus seinem prächtigen Hause, den daheim zu bleiben es ekelt, und plötzlich kehrt er um, da natürlich er merkt: Es ist draußen um nichts ihm besser. Jagend die Rosse zum Haus auf dem Land, stürmt Hals über Kopf er: Als ob dem brennenden Dach zu Hilfe er eilte, so drängt er. Gähnend sperrt er das Maul, kaum dass er berührt seine Schwelle; oder er sinkt in Schlaf bleischwer und sucht nach Vergessen, oder er strebt mit Hast zur Stadt und naht sich ihr wieder. So flieht ein jeder das Selbst, dem doch zu entfliehen nicht möglich wie natürlich und klar; er haftet und hasst's wider Willen, deswegen, weil er, krank, nicht kennt den Grund seines Leidens. Wenn er erkennte ihn recht, würde jeder das andere lassen und sich bemühen zuerst, das Wesen der Dinge zu erlernen."



Soweit Lucrez – über seine Zeit



Epikur wurde – wie gesagt, schon zu Lebzeiten gründlich missverstanden.



Dieser Philosoph räumte der Lust eine zentrale Stellung im Leben des Menschen ein - mehr brauchte man nicht zu wissen, um seinen eigenen Lebenswandel zu begründen.



Oder: Verdächtigungen in Umlauf zu setzen. Und daran hat es zu seiner Zeit, weiß Gott, keinen Mangel gehabt.



Man gewinnt den Eindruck, dass Epikur der meistgeschmähte Mann seiner Zeit war.



Für viele, die es besser hätten wissen müssen, war er ein Wollüstling, der mit Hetären - also gehobenen Freudenmädchen, Callgirls der ersten Garnitur - in Briefwechsel, und nicht nur das, gestanden haben soll.
Fünfzig unzüchtige, pornographische Briefe wurden als angeblich Epikureische damals von einem Gegner (Diotimos, ein Stoiker) veröffentlicht.



Man behauptete, Epikur würde sich regelmäßig so überfressen, dass er sich zwei Mal am Tag übergeben müsse.



Und er habe seinen Körper so verkommen lassen, dass er seit Jahren nicht mehr aus dem Tragsessel hochkäme.



Und seine philosophischen Ideen seien genauso geklaut wie seine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse.



Tatsächlich hat er weiterentwickelt, was Demokrit und (noch vor diesem) Leukippos gedacht hatten.



Epikurs Naturlehre ist ein atomistischer Materialismus (atomos = unteilbar). Er geht von einem vertikalen Fall der Atome im Weltall aus. Alles ist Materie, auch die Seele.



Die Atome finden sich zu Körpern zusammen und zerfallen wieder. Nichts ist unsterblich.



Das Universum ist ein mechanistisches, uhrwerkartiges Gebilde, das mit unerbittlicher Notwendigkeit abläuft. Wobei der Zufall eine große Rolle spielt.
Hatte bei Demokrit noch Kausalität eine große Rolle gespielt, hasste Epikur im Zusammenhang mit seiner Welterklärung (die ja reine Spekulation war) das Schicksalhafte, Unausweichliche.



Das bringt Unfreiheit und Angst.

Epikur war Materialist und Atheist.



Er forderte seine Anhänger auf, für alles Erklärungen zu suchen und gelten zu lassen, aber: allem mythischen Gerede zu entsagen und sich von jedem mythologischen Geschwätz frei zu halten.



Aus seiner mechanistisch-materialistischen Weltanschauung ergab sich von selbst eine absolute Ablehnung des Glaubens an eine bestimmende, die Geschicke lenkende, göttliche Macht (die eben Angst und Schrecken verbreitet).
Epikur wollte Freiheit (des Willens), Freiheit von Furcht. Nur so wäre auch ein Leben in Genuss und Gemütsruhe möglich.



Epikurs Naturerklärung ist also nicht Selbstzweck. Sie verfolgt therapeutische Ziele:



Beunruhigendes soll sie ausschalten, indem sie



Unbekanntes verständlich macht,



Unerreichbares als irrelevant,



Unvermeidbares als hinnehmbar erweist.




Quiz: Ein paar Antworten auf die großen Fragen der Philosophie



(Welche Antwort ist jeweils von Epikur? Auflösung weiter unten)



A - Was kann ich wissen?



a "Wenn jemand über sich nachdenkt, dann wird er wohl darauf kommen,dass er über sich nachdenkt. Er kann höchstens glauben, dass er nicht über sich nachdenkt, aber wissen kann er es nicht, denn wissen kann man nur, was wahr ist.Aber jemand, der nicht über sich nachdenkt, der kann auch nie darauf kommen, dass er nicht über sich nachdenkt. Also kann niemand wissen, dass er nicht über sich nachdenkt."



b "Was ist Zeit? Wer könnte das leicht und kurz erklären? Wer es denkend erfassen, um es dann in Worten auszudrücken? Und doch – können wir ein Wort nennen, das uns vertrauter und bekannter wäre als die Zeit? Wir wissen genau, was wir meinen, wenn wir davon sprechen, verstehen’s auch, wenn wir einen anderen davon reden hören. Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich’s; will ich’s aber einem Fragenden erklären, weiß ich’s nicht."



c "Es ist nicht möglich,lustvoll zu leben, ohne dass man vernunftgemäß, schön undgerecht lebt,noch vernunftgemäß, schön und gerecht ohne lustvoll zu leben. Wer dies nicht besitzt, der kann nicht lustvoll leben. Keine Lust ist an sich ein Übel.Aber das, was bestimmte Lustempfindungen erzeugt, bringt Beschwerden mit sich, welche die Lustempfindungen um ein Vielfaches übersteigen. Wenn das, was die Lustempfindungen der Schlemmer erzeugt, die Ängste des Denkens vor den Himmelserscheinungen, dem Tode und den Schmerzen verscheuchen könnte, und außerdem die Grenze der Begierden lehrte, dann hätten wir keinen Grund, sie zu tadeln."



B - Was soll ich tun?



a "Befreien muss man sich aus dem Gefängnis der Geschäfte und der Politik."



b "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde."



c "Man muss sich nur Zeit nehmen. Sich Zeit nehmen ist das Privileg des Alters. Wenn man sich Zeit nimmt, …kann man in die Gegenwart eintreten, sie ist so dehnbar wie das Universum."



C - Was darf ich hoffen?



a "Hoffen heißt: die Möglichkeit des Guten erwarten; die Möglichkeit des Guten ist das Ewige."



b "Der Himmel hat den Menschen als Gegengewicht zu den vielen Mühseligkeiten des Lebens drei Dinge gegeben: Die Hoffnung, den Schlaf und das Lachen."



c "Die Stimme des Fleisches spricht: Nicht hungern, nicht dürsten, nicht frieren. Wer das besitzt oder darauf hoffen darf, der könnte sogar mit Zeus an Glückseligkeit wetteifern."



d "Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Die größten Menschen sind jene, die anderen Hoffnung geben können."



e "Hoffnung ist nicht die Überzeugung dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht."



D - Was ist der Mensch?



a "Der Mensch steht allein auf dem Herzen der Erde, dann trifft ihn ein Sonnenstrahl, und schon wird es Abend."



b "Wir sind ein einziges Mal geboren. Zweimal geboren zu werden ist nicht möglich. Die ganze Ewigkeit hindurch werden wir nicht mehr sein. Du aber bist nicht Herr des morgigen Tages und verschiebst immerzu das Erfreuende. Das Leben geht mit Aufschieben dahin, und jeder von uns stirbt, ohne Muße gefunden zu haben."



c "Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Fraun und Männer bloße Spieler. Sie treten auf und gehen wieder ab, sein Leben lang spielt einer manche Rollen."



d "Der Mensch: höchstes Entwicklungsprodukt der Materie, das seiner biologischen Natur nach aus den am höchsten entwickelten Tieren der Erde hervorgegangen ist, sich von diesen aber dadurch qualitativ unterscheidet, dass der Mensch in seinen wesentlichen Lebensäußerungen gesellschaftlich bedingt und bestimmt ist. Dieser Unterschied kommt zum Ausdruck in der Fähigkeit, Werkzeuge herzustellen und mit ihnen die Naturgegenstände planmäßig und zielstrebig zu verändern… Auf die Frage nach dem Wesen des Menschen…hat allein der Marxismus als konsequenter und umfassender philosophischer Materialismus eine Antwort gegeben, deren Richtigkeit durch die fortschreitende wissenschaftliche Erkenntnis und die gesellschaftliche Praxis des Sozialismus bestätigt und vertieft wird."



e "Der Mensch ist ein politisches Geschöpf, das am liebsten zu Klumpen geballt sein Leben verbringt. Jeder Klumpen hasst die andern Klumpen, weil sie die anderen sind, und hasst die eignen, weil sie die eignen sind. Den letzteren Hass nennt man Patriotismus. Jeder Mensch hat eine Leber, eine Milz, eine Lunge und eine Fahne; sämtliche vier Organe sind lebenswichtig. Es soll Menschen ohne Leber, ohne Milz und mit halber Lunge geben; Menschen ohne Fahne gibt es nicht. Wenn der Mensch fühlt, dass er nicht mehr hinten hoch kann, wird er fromm und weise; er verzichtet dann auf die sauren Trauben der Welt. Dieses nennt man innere Einkehr. Die verschiedenen Altersstufen des Menschen halten einander für verschiedene Rassen: Alte haben gewöhnlich vergessen, dass sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, dass sie alt sind, und Junge begreifen nie, dass sie alt werden können. Der Mensch möcht nicht gerne sterben, weil er nicht weiß, was danach kommt. Bildet er sich ein, es zu wissen, dann möchte er es auch nicht gern; weil er das Alte noch ein wenig mitmachen will. Ein wenig heißt hier: ewig. Im übrigen ist der Mensch ein Lebewesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen lässt. Manchmal gibt er auch Ruhe, aber dann ist er tot. Neben den Menschen gibt es noch Sachsen und Amerikaner, aber die haben wir noch nicht gehabt und bekommen Zoologie erst in der nächsten Klasse."



Auflösung:
A a Martin Auer, "Was niemand wissen kann"
A b Augustinus
A c Epikur



B a Epikur
B b Kant
B c Tabori



C a Kierkegaard
C b Kant
C c Epikur
C d Jean Jaurèt
C e Vaclav Havel



D a Unbekannt
D b Epikur
D c Shakespeare
D d Kleines Politisches Wörterbuch der DDR
D e Tucholsky



Abschluss

"Wo ist die Wissenschaft, wenn man über die ewigen Rätsel nachdenkt?
Wie ist der Kosmos entstanden?
Wie lange treibt er sich schon rum?
Begann die Materie durch eine Explosion oder durch Gottes Wort?
Und wenn durch dieses, hätte ER da nicht einfach zwei Wochen eher anfangen können, um ein bisschen Nutzen aus dem wärmeren Wetter zu ziehen?
Was meinen wir eigentlich, wenn wir sagen, der Mensch ist sterblich?
Ein Kompliment ist das offensichtlich nicht. …



Wir sind ein Volk, dem es an klaren Zielen fehlt.
Wir haben nie zu lieben gelernt.
Uns fehlen politische Führer unklare Programme.
Wir haben keinen geistigen Mittelpunkt.
Wir treiben allein im Universum herum und fügen einander aus Enttäuschung und Schmerz ungeheure Gewalt zu.
Zum Glück aber haben wir nicht unser Gefühl für das rechte Maß verloren.
Alles in allem wird deutlich, dass die Zukunft große Chancen bereit hält.
Sie enthält auch Fallstricke.
Der Trick dabei wird sein, den Fallstricken aus dem Weg zu gehen, die Chancen zu ergreifen und bis sechs Uhr wieder zu Hause zu sein."



Woody Allen, aus seiner "Rede an die Schulabgänger"

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