Theater Neu-Ulm
IHREN Ansprüchen wollen wir genügen - Über Religion, Aufklärung und das Recht zu spotten

Es darf gelacht werden

Von Gero von Randow

Über Religion, Aufklärung und Spott


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Die gute alte Regel "all politics is local" gilt in der informationell globalisierten Welt mehr denn je. Den schlagendsten Beweis lieferten jetzt die Innenminister von 17 arabischen Staaten, die sich in einer offiziellen Erklärung mit dem Pressewesen einer dänischen Kleinstadt befasst haben, und zwar mit Karikaturen, die vor einigen Monaten den einen oder anderen Dänen womöglich zum Lachen gebracht haben. Über den Islam.

Dafür, so lautet die Forderung, sollen sich sowohl der Regierungschef Dänemarks als auch dessen Königin entschuldigen, und natürlich müssten die verantwortlichen Redakteure gesteinigt werden. Nein, stimmt nicht: Bestraft sollen sie werden; nach welchem Recht, das lässt die Erklärung offen.

Unterdessen gingen in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa Zehntausende Frauen auf die Straße und verbrannten dänische Flaggen. "Zwecklos, in der Altstadt von Sanaa eine Diskussion über das europäische Verständnis von Religion und die Rolle der Medien anzuzetteln", schreiben Blogger auf ZEIT online. Sie hatten in Sanaa auch das Gespräch mit einem Imam gesucht, scheiterten indes mit dem Bemühen, ihm "von Monty Pythons Parodie ‚Das Leben des Brian’ zu erzählen, die das Leben des Jesus auf die Schippe nimmt. Oder ihn nach den antisemitischen Karikaturen in arabischen Zeitungen zu fragen, die es mit den religiösen Gefühlen der Juden auch nicht so genau nehmen."

Diese drei Motive – Missachtung der Meinungsfreiheit, ein totalitäres Staatsverständnis und das Messen mit zweierlei Maß – gehören zusammen. Sie sind Ausdruck eines voraufklärerischen Verständnisses von Religion, das nicht bis zu einer Erkenntnis vorgedrungen ist, deren treffendste Formulierung an diesem Donnerstag Christian Geyer in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung fand: "Zu jedem legitimen Selbstverständnis gibt es eine legitime Außenperspektive, die diesem Selbstverständnis zuwiderlaufen darf." Das ist nicht Relativismus, sondern Toleranz. Nicht Lauheit, sondern Klugheit. Denn "legitim" heißt nicht "richtig" oder "wahr". Im Gespräch mit Islamisten schlägt einem die Verwechslung dieser Kategorien entgegen, wenn sie die Rede führen: "Ihr im Westen habt keine Werte, im Gegensatz zu uns."

Das Christentum hat lange genug gebraucht, Toleranz zu lernen, und am Rande seiner Kirchen kommt es noch gelegentlich vor, dass den Anderen die Legitimation ihrer Perspektive abgesprochen wird. Doch das sind Ausnahmen. Die Vertreter des organisierten Christentums rufen zwar gelegentlich den Kadi an, wenn ihnen eine Karikatur wie zum Beispiel die legendäre Grafik "Spielt Jesus noch eine Rolle?" zu weit geht. Aber das ist eine vergleichsweise friedliche Verhaltensweise, zumal kein Zeichner fürchten muss, dass sich wegen eines solchen Bildes ein christlicher Selbstmordattentäter auf den Weg erst zu ihm und dann in den Himmel macht.

Die beschriebene Verwechslung der Kategorien liegt auch dem totalitären Staatsverständnis zugrunde, das sich in der Forderung der arabischen Regierungen offenbart, die dänische Regierung möge auf das Lokalblatt herniederfahren. Ja, der aufgeklärte Staat hat die freie Religionsausübung zu schützen. Was noch? Nun, den persönlichen Achtungsanspruch jedes seiner Bürger. Nicht aber den eines angebeteten höheren Wesens, dessen Existenz dieser Staat ja nicht als verbindlichen Überzeugungsinhalt voraussetzen darf.

Wohl aber muss er den öffentlichen Frieden schützen, weshalb eben diejenige Beschimpfung eines Bekenntnisses oder einer Weltanschauungsgemeinschaft strafbar ist, "die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören" - womit aber nicht die Reaktion der Gläubigen allein gemeint ist. Der Umstand beispielsweise, dass die dänischen Karikaturen Attentäter auf den Plan rufen könnten, würde in Deutschland nicht hinreichen, ihre Veröffentlichung zu bestrafen.

Strenger ist die Ziffer zehn des hiesigen Pressekodex’, deren Einhaltung vom Presserat überwacht wird: Ihm zufolge sind Veröffentlichungen, "die das sittliche oder religiöse Empfinden einer Personengruppe nach Form und Inhalt wesentlich verletzen können, mit der Verantwortung der Presse nicht zu vereinbaren."

Sich darauf berufend hatten Vertreter des Deutschen Journalistenverbandes nichts Besseres zu tun, als die Veröffentlichung der inkriminierten Karikaturen zu verurteilen. Dazu ließe sich zweierlei anfügen:
Erstens, dass die Einlassung, wie immer man ihren Inhalt beurteilen mag, zur Unzeit kommt, nämlich in einem Moment, da dänische Journalistenkollegen um Leib und Leben fürchten müssen.
Zweitens aber ist zu fragen, wie weit diese Norm mit der Pressefreiheit konform geht. Denn sie lässt sich durchaus als Verspottungsverbot auslegen. Es wäre indes daran zu erinnern, dass die zwei großen Epochen der Aufklärung, nämlich die hellenische und die französische, von befreiendem Spottgelächter begleitet waren. Dieser ästhetisch befriedigende Diskurszustand soll uns Heutigen nicht bewilligt sein?

Wir leben in dschihadistischen Zeiten. Aber: Es darf gelacht werden. So lautete übrigens der Titel einer Fernsehserie, die vor 40 Jahren das damals etwas verkniffene Deutschland aufheiterte. Dieses Recht zu verteidigen ist eine ernste Sache.

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